Markusgemeinde Hildesheim
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Ein alltäglicher Hindernislauf

Markusgemeinde lädt zur „inklusiven Stadtteilbegehung“, um für Barrierefreiheit zu sensibilisieren

Hildesheim. Fast eine Viertelstunde brauchen Thomas Krause und seine Begleitung, dabei geht es nur um die Ecke. Die Dame neben ihm hat die Augen verbunden. Vorsichtig setzt sie einen Fuß vor den anderen, während sie mit einem Stock den Gehweg abtastet. Sie kennt das Viertel eigentlich. Er ist Mitglied im Behinderten- und Inklusionsbeirat der Stadt Hildesheim.

Die Markusgemeinde hat Krause und die Vorsitzende Marion Tiede zu einer inklusiven Stadtteilbegehung eingeladen. Etwa 20 Menschen haben sich dafür im Ulmenweg eingefunden, unter ihnen Mitglieder des Seniorenkreises oder Ortsbürgermeister Erhard Paasch. „Den ganzen Stadtteil schaffen wir heute nicht“, weiß Markusschwester Ursel Scholz. Eine überschaubare Strecke hat sie ausgesucht. Etwa 400 Meter sollen die TeilnehmerInnen mit Blindenstock oder im Rollstuhl zurücklegen. Beim Abmarsch ahnen nur die Verantwortlichen, dass die Gruppe fast eine Stunde für den Weg brauchen wird.

Die Stadtteilbegehung ist Teil der Reihe „Inklusiv bei Markus“. Die evangelisch-lutherische Gemeinde will zwei Botschaften damit vermitteln. Jeder Mensch ist voller Würde und wertvoll, zum einen, und jeder soll willkommen sein, dazu gehören und mitmachen können. „Inklusion ist die Kunst, Vielfalt zu leben.“ In der Stadt setzt sich seit 2009 der Behinderten- und Inklusionsbeirat dafür ein. Schätzungen zufolge leben in Hildesheim 20.000 Menschen mit einer Behinderung. Das wäre etwa jeder Fünfte. Zum Vergleich, im Stadtteil Moritzberg/Bockfeld leben 15.339 BürgerInnen. „Jeder Mensch hat in seinem Leben mit einer Behinderung zu tun“, glaubt Beiratsvorsitzende Tiede.

Die Begehungen sollen sensibilisieren und begreifbar machen, welche Hindernisse sich im Alltag einem Menschen mit einer Geh- oder Sehbehinderung stellen. Kopfsteinpflaster machen NutzerInnen von Rollatoren, Kinderwagen oder Rollstühlen das Leben schwer. Aber auch die Stöcke von Blinden bleiben in den Fugen stecken. Drei dieser Orientierungshilfen hat Krause dabei. An deren Ende befindet sich eine Rollspitze, damit ertasten die Träger die Kontur des Bodens. An vielen Fußgängerüberwegen sind deswegen mittlerweile entsprechende Platten eingelassen. Ansonsten halten sich Blinde an Gehsteigkanten, um eine Leitlinie zu haben.

Doch das ist leichter gesagt als getan, merken die TeilnehmerInnen schnell. Ein Laternenmast, eine nicht geschnittene Hecke oder eine Einfahrt reichen, um die Leute aus dem Konzept zu bringen. „Manche halten das keine fünf Minuten aus“, weiß Krause. „Gartenarbeit ist ein Zuckerschlecken dagegen“, findet Bürgermeister Paasch, nachdem er erst mit Stock und danach im Rollstuhl unterwegs war. Auch Pastorin Garhammer-Paul muss erst einmal durchatmen. „Eine verstörende Erfahrung“, überlegt sie. „Ich kenne mich hier aus und war trotzdem orientierungslos.“ Eine andere Sache hat ihr den Weg zusätzlich erschwert. „Ich weiß, dass hier immer viel Hundekot liegt und habe mich geekelt, weil ich nicht wusste, ob ich nicht reintrete.“

„Wir werden nie in einer Wunschwelt leben“, weiß Tiede. Abgeflachte Bordsteine sind für sie als Rollstuhlfahrerin zum Beispiel wichtig, für Blinde jedoch ein Problem, weil deren Stöcke dort ins Leere gehen. „Wir versuchen trotzdem, die Welt für alle so angenehm wie möglich zu machen.“ Fortschritte gibt es schon. Bei der Sanierung des Hauptbahnhofs hat die Stadt Hildesheim den Beirat beispielsweise mit einbezogen. Auch Privatpersonen haben sich bei Bauvorhaben schon an sie gewandt. Bürgermeister Paasch möchte seine Erfahrungen aus der Markusgemeinde mit in den Stadtrat nehmen. „Man muss das mal gemacht haben, um zu wissen, wovon man redet und nicht nur worüber.“ Vor Ort selbst hat sich bereits etwas bewegt, freut sich Markusschwester Scholz. „Unser Behindertenparkplatz ist genehmigt worden. Und wir sind dabei unserer Gemeindehaus auf Barrierefreiheit zu checken. Unser Wunsch und Ziel ist, dass jeder, der möchte,  selbstbestimmt unsere Angebote nutzen kann.“ Björn Stöckemann

 

Standard-Kommentar

Es sieht wie ein Spiel aus, für viele Menschen ist es aber Realität. Almut Caspari versucht blind ein Glas Wasser einzuschenken.


 

Standard-Kommentar

Diese Geländer sind zwar eigentlich nützlich, mit dem Stock aber nur schwer zu bemerken, muss auch Ortsbürgermeister Erhard Paasch erkennen.


 

Standard-Kommentar

Marion Tiede (rechts) erklärt Pastorin Anke Garhammer-Paul, worauf sie achten muss.

Fotos: Stöckemann


 

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